Wenn die Seele überläuft
Stressbewältigung für psychosoziale Interventionskräfte
Psychosoziale Interventionskräfte müssen wissen, wie sie mit ihrem Organisations- und Einsatzstress fertig werden. Neben Supervisionen und Teamgesprächen bietet sich das FORD-Modell an.
Die 17-jährige Anna besuchte
regelmäßig eine Freundin, um ihr bei den Schulaufgaben zu helfen. Auch an diesem
Tag. Als die beiden fertig waren, schwang sich Anna auf ihr Fahrrad und radelte
nach Hause. Sie musste hierbei unter anderem eine Landstraße überqueren. Die
Strecke war sie schon unzählige Male gefahren, doch an diesem Abend wurde Anna
beim Überqueren der Fahrbahn von einem Pkw erfasst und tödlich verletzt.
Es folgte ein Einsatz, wie er sich in Deutschland täglich mehrmals abspielt:
Notruf,
Rettungsdienst, Polizei und der vergebliche Versuch, einen Patienten zu
reanimieren. Dann die Suche nach den genauen Umständen des tödlichen
Verkehrsunfalls. Ein geschockter Autofahrer und psychisch traumatisierte Zeugen,
Tatortaufnahme an der Unfallstelle mit Befragung von Anwohnern und Ersthelfern.
Annas Eltern wurde
durch Polizeibeamte die Todesnachricht überbracht. Frühzeitig war die
Notfallseelsorge in die Akutbetreuung der Betroffenen einbezogen worden.
Akute Belastungsreaktion
Bei den
unmittelbar Betroffenen - Annas Mitschülerin, deren Mutter, Annas Eltern und
Geschwister - treten Symptome der akuten Belastungsreaktion auf. Aufgrund der
Unfallfolgen und der persönlichen Nähe zu Anna ist innerhalb ihrer Familie und
ihres Freundeskreises auch mit der Entwicklung einer posttraumatischen
Belastungsstörung zu rechnen.
Nach Rücksprache mit dem Streifenführer vom Unfallort entscheidet sich der
Einsatzleiter der Polizei, die Unterstützung eines externen Psychologen in
Anspruch zu nehmen. Einsatzkräfte sind nach erneuter Rückfrage nicht zu
betreuen. Der Autofahrer befindet sich im Krankenhaus, für seine Betreuung steht
ein Krankenhausseelsorger bereit, der auch aktiver Notfallseelsorger ist.
Als mögliche Klienten für das Stressmanagement durch Interventionskräfte werden
definiert:
• Annas Freundin,
• deren Mutter, die als Ersthelferin vor Ort war.
• Annas Familie,
• ihr Klassenlehrer sowie
• befreundete Mitschüler.
Der Klassenlehrer wird beraten, wie er die Todesnachricht überbringen kann und
mit welchen Reaktionen seiner Schüler er rechnen muss. Außerdem wird für vier
Betroffene frühzeitig der Kontakt zu einer Traumatherapeutin hergestellt.
Auch Helfer sind belastet
Aufgrund der intensiven Klientenkontakte und der geregelten Anschlussbetreuung
schließt der Psychologe die Akutbetreuung ab. Würde er sich jetzt nicht
zurückziehen können, ginge ihm aufgrund der erlebten persönlichen Emotionen die
situative (,‚Ich bin nicht am Ereignis beteiligt“) und persönliche Distanz
(,‚Ich kenne die Verstorbene und ihre Angehörigen nicht“) verloren.
Das Einsatzbeispiel macht
deutlich:
Obwohl der psychologische Begleiter Anna nie persönlich kennen gelernt hat, ist sie ihm so ausführlich beschrieben worden, dass aus dem Verkehrsunfall einer 17-jährigen Radfahrerin die ganze Tragik und Betroffenheit des plötzlichen Unfalltodes von Anna wird. Damit stellt sich die Frage: Wie gehen psychosoziale Interventionskräfte mit ihrem eigenen Einsatzstress um? Der anspruchsvolle und mitunter extrem belastende Umgang der Betreuer (psychosozialer Einsatzstress) mit dem Traumastress der Betroffenen muss auch von ihnen verarbeitet werden.
Stress durch Organisation
Doch Stress
entsteht für den Betreuer nicht nur durch den Einsatz, sondern auch durch
mangelhafte Organisation.
Zum Hintergrund: Krisenintervention, Notfallseelsorge, Stressbewältigung und
Stressbearbeitung für Einsatzkräfte, Einsatz- und Notfallnachsorge haben trotz
unterschiedlicher Bezeichnung ein gemeinsames Ziel: die zeitnah durchzuführende,
psychosoziale Begleitung und Betreuung von Patienten, Gewaltopfern, ihrer
Angehörigen und Hinterbliebenen sowie Einsatzkräften und sonstiger Helfer.
Durch anerkannte Gesprächstechniken wie beispielsweise das Debriefing sollen
eine psychische Traumatisierung verhindert oder ihre Symptome vermindert werden.
Dadurch wird das Erlebte auch für die Klienten erklärbar und kann so verarbeitet
werden.
Damit sind Interventionskräfte vorbeugend tätig. Für diese Prävention fühlen
sich die Krankenkassen als Kostenträger nicht zuständig. Da spielt es keine
Rolle, dass eine frühzeitige Krisenintervention eine psychische Traumatisierung
verhindern kann.
Erkranken aber Betroffene an posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), sind
sie keine Klienten mehr, sondern Patienten. Diesen helfen dann überwiegend
Diplom-Psychologen und Psychiater mit einer Traumatherapie. Diese Kosten werden
wiederum von den Kassen übernommen.
Aber auch die Traumaprävention hat qualifiziert zu erfolgen. Mitmenschlichkeit
und Sozialkompetenz müssen durch Feldkompetenz - wer Rettungsassistenten
begleiten möchte, sollte selbst einer sein -‚ psychotraumatologisches
Grundwissen und eine professionelle Organisation ergänzt werden.
Um auf dieser Basis arbeiten und sich auf seinen Klienten konzentrieren zu
können, ist ein geregeltes Umfeld erforderlich. Hierzu gehört es auch, die
Finanzierung zu klären. In Zeiten leerer Kassen wird sich eine Hauptamtlichkeit
in der Krisenintervention und Einsatznachsorge selten finanzieren lassen. Also
wird es eine Kombination von Ehrenamtlichen mit psychosozialen Profis geben
müssen.
Auch das Kriseninterventionsteam (KIT) ist eine Einsatzeinheit. Fehlen
verbindliche Grundlagen für ihren Aufbau (zum Beispiel Aus- und Fortbildung,
Finanzierung, Ausrüstung und Ausstattung, Versicherung der Mitarbeiter) sowie
die Arbeit vor Ort (zum Beispiel Alarmierungsstichworte, Rufbereitschaft,
Nutzung von Dienst- oder Privatfahrzeugen, Zusammensetzung einzelner
Interventionsteams, Reihenfolge der Einbindung verschiedener Dienstleister,
anzuwendende Gesprächstechniken), können solche organisatorischen Defizite zu
eigenen Stressfaktoren werden.
Das FORD-Modell
Eine
Möglichkeit, mit diesem Organisations- und Traumastress umzugehen, ist das
FORD-Modell. Hinter den vier Buchstaben verbergen sich grundlegende Pfeiler der
Stressbewältigung und -bearbeitung. Dabei umfasst eine Stressbewältigung
meistens Techniken, die man selbst anwenden kann.
FORD steht für Fitness, Organisation, Ruhe und Denken.
Im Einzelnen ist damit Folgendes gemeint:
Fitness:
Sport hält fit und
baut Spannungen ab.
Organisation:
Damit ist die Selbstorganisation gemeint. Prägen Sie sich nicht nur ein, wo Sie
Ihr Handy und die Autoschlüssel ablegen, sondern planen Sie auch Ihr
persönliches Fitnessprogramm. Erkennen Sie auch Ihre persönlichen
Belastungsgrenzen: wenn es organisatorisch und einsatztaktisch möglich ist,
intervenieren Sie im Team. Motto: geteiltes Leid ist halbes Leid.
Ruhe:
Sie ist auch
für Interventionskräfte wichtig, weil sie einen Ausgleich zu der belastenden
Betreuungsarbeit darstellt. Keiner ist ununterbrochen einsatzbereit und
belastbar. Vor Ort die Krisenintervention für Zeugen durchzuführen und
anschließend die Einsatznachsorge für betroffene Einsatzkräfte zu moderieren,
ist unprofessionell und grenzt an Selbstüberschätzung.
Sie als Begleiter und Betreuer können nur dann die situative Distanz wahren,
wenn Sie nicht vor Ort aktiv sein mussten, um zu helfen. Falls Sie Ihre Klienten
nicht näher kennen, sind Sie auch persönlich distanziert genug, um ein
Debriefing durchzuführen.
Fühlen Sie sich selbst betroffen, delegieren Sie Ihre Interventionstätigkeit
besser rechtzeitig an einen Kollegen. Dafür sollten Sie einen Pool geeigneter
Fachleute bilden, die sich untereinander und organisationsübergreifend
unterstützen können. Dadurch kann sich auch das einzelne Team-Mitglied die
notwendigen Ruhephasen gönnen, die es für seine Interventionen braucht.
Aus der Stressforschung ist bekannt, dass das Warten auf Einsätze einen
eigenständigen Stressfaktor ausmachen kann. Innerhalb der Krisenintervention und
Einsatznachsorge muss also für notwendige Ruhe- und Erholungsphasen der
Interventionskräfte gesorgt werden.
Wenn Sie Entspannungstechniken
beherrschen, bauen Sie möglichst auch diese in Ihre Ruhephasen ein.
Denken:
Gemeint ist damit
zunächst das Nachdenken über die fünf Säulen sowie die Basis der professionellen
Krisenintervention und Einsatznachsorge- also Sozialkompetenz, Feldkompetenz,
psychotraumatologisches Grundwissen, Organisation als Einsatzteam und Akzeptanz
bei den Verantwortlichen als Basis.
Als Interventionskraft müssen Sie aus- und fortgebildet sein, um sich sicher und
kompetent zu fühlen. Das spürt auch Ihr Klient! Ihr Auftraggeber sollte
spezielle Aus- und Fortbildungen für alle Teammitglieder anbieten und Sie nicht
dem Selbststudium überlassen.
Nachbereitung im Kopf
Denken
bedeutet in diesem Zusammenhang aber auch Überdenken. Wenn Sie nach einer
Gesprächsintervention zur Ruhe kommen und Ihren Einsatz abschließen möchten,
sollten Sie diesen reflektieren. Rufen Sie sich dazu chronologisch den Einsatz
in Ihr Bewusstsein zurück. Arbeiten Sie ihn von der Faktenebene (Was ist wann
und wie passiert?) zur Gefühlsebene (Wie habe ich mich dabei gefühlt und fühle
ich mich jetzt?) ab. So können Sie das Erlebte und Geleistete in Ihre Berufs-
und Lebensbiographie einordnen.
Nebenbei bemerkt: Genauso sollten Sie auch Interventionsgespräche mit Ihren
Klienten durchführen. Fakten und Gefühle aufarbeiten, um das Erlebte zu
verarbeiten.
Denken Sie trotz aller Tragik, die Sie erleben, für sich positiv. Auch wenn Sie
die Folgen eines Unfalltodes als Schicksalsschlag für die Betroffenen erleben
mussten, haben Sie mitgeholfen, dieses extrem belastende Ereignis in seiner
schrecklichen Bedeutsamkeit verstehbar und den Umständen entsprechend handhabbar
werden zu lassen.
Das Gefühl, einem Betroffenen in einer belastenden Situation beistehen und
helfen zu können, vermittelt auch der Interventionskraft eine
Handlungskompetenz. Sie wird einem oft erst durch die Reflexion mit anderen
Personen bewusst.
Zu diesem Personenkreis gehören in erster Linie Interventionskräfte, die
ebenfalls zur Verschwiegenheit verpflichtet sind. Fachfremde Freunde und
Familienangehörige können die ihnen geschilderten Fakten und Gefühle mangels
eigener Feldkompetenz kaum bewerten. Dadurch werden sie vielmehr mit
Schilderungen belastet, die sie unter Umständen selbst zu Betroffenen machen -
von der fragwürdigen Weitergabe vertraulicher und persönlicher Daten nicht zu
reden.
Teambesprechungen
Um diese Probleme zu vermeiden, sollten Sie die Selbstreflexion in internen Teambesprechungen anwenden. Diese dienen dem regelmäßigen Erfahrungsaustausch und fördern den Teamgeist. Nutzen Sie ruhig die Kompetenz Ihrer Kollegen sowie deren Perspektivwechsel für sich selbst. Wenn Sie selbst einmal begleitet und betreut wurden, können Sie nachempfinden, wie sich Ihre Klienten in einer solchen Gesprächssituation fühlen.
Regelmäßig stattfindende Teambesprechungen sind auch eine gute und vertrauensvolle Basis dafür, im Bedarfsfall psychosoziale Hilfe für einzelne Teammitglieder zu leisten. Da Interventionskräfte auch nur Menschen sind, können sie - besonderes bei Krisenintervention und Einsatzbegleitung an der Einsatzstelle- selbst zu Betroffenen werden.
Wie Supervision hilft
Symptome der
akuten Belastungsreaktion oder einer posttraumatischen Belastungsstörung fallen
im Kollegenkreis eher auf als außerhalb. Somit können psychosoziale Teampartner,
die sich regelmäßig treffen, gut aufeinander Acht geben und frühzeitig geeignete
Hilfen wie Debriefing anbieten oder den Kontakt zu einem Traumatherapeuten
herstellen.
Innerhalb der praktischen Sozialarbeit und in der Pflege hat Supervision bereits
Tradition. Als eine berufsbezogene Beratung wirkt sie für denjenigen, der eine
Supervision in Anspruch nimmt, entlastend und fördert seine Persönlichkeit, um
mitfühlend zu reagieren und trotz der psychischen Belastung motiviert zu
bleiben.
Bezogen auf die Dienstleistungen der Krisenintervention und Einsatznachsorge
bedeutet Supervision eine Beratung von Interventionskräften im Umgang mit ihrem
Einsatz- und Organisationsstress. Dabei geht der Supervisor auch auf die
Wechselbeziehungen zwischen der Interventionskraft und ihren Klienten
(Betroffenen), zwischen der Hilfsorganisation und ihren Interventionskräften und
zwischen den einzelnen Teammitgliedern bei der Interventionstätigkeit ein.
Abgesehen davon, dass er langfristig die Supervisionen durchführen können muss,
hat der Supervisor unabhängig vom Arbeitgeber, feldkompetent und professionell
zu arbeiten.
Um mindestens einmal im Monat maximal zehn freiwillige Teilnehmer auf
Honorarbasis oder in einer Stabsfunktion begleiten und beraten zu können,
sollten auch die Ziele und Arbeitstechniken dieser Supervision geregelt sein.
Damit muss der Supervisor für Interventionskräfte über einen geeigneten
Abschluss verfügen und einschlägige Kenntnisse über die Stress- und
Belastungsmomente aus dem Einsatzalltag der Krisenintervention und
Stressbearbeitung für soziale Berufe wie die eines Rettungsassistenten
mitbringen.
Aus: Rettungs-Magazin September/Oktober 2003, Seiten 34 - 37
Dirk U. Schmidt-Herholz (41), Rettungsassistent und Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Stressbewältigung und -bearbeitung, Krisenintervention und Konfliktmanagement.
Für
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von Hanjo v. Wietersheim
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