Nachsorge nach belastenden Einsätzen
für Feuerwehrleute ist enorm wichtig.
Diese Erkenntnis hat sich inzwischen durchgesetzt.
Doch nicht nur Arzte, Seelsorger,
Traumatherapeuten
und Stressberater können helfen.
Auch die Angehörigen sind gefragt.
Aus: Feuerwehrmagazin 11/2000, S. 76-79
Eigentlich war es wie schon
so oft in den letzten Jahren. An der Bundesstraße 6 in Höhe
Abzweig Husum hatte sich eIn Pkw überschlagen. Überhöhte
Geschwindigkeit. Wegen der enormen Unfallzahlen wird der betroffenen Straßenabschnitt
im Volksmund auch „Todeskurve“ genannt. Bernd Muthmann rückte als
Maschinist auf dem Rüstwagen mit aus. Viel zu Helfen gab es allerdings
nicht mehr. Der Pkw-Fahrer war bereits tot. Muthmann und seine Kameraden
mussten die Leiche des etwa 60-jährigen Mannes aus dem Passat-Wrack
schneiden. Eine Routineaufgabe - wenn derTote Muthmann nur nicht so an
seinen Onkel erinnert hätte. Dieser war 1992 ebenfalls bei einem Autounfall
ums Leben gekommen. Muthmann hatte schon Jahre nicht mehr daran gedacht.
Und nun gingen die beiden Unfälle dem gestandenen Feuerwehrmann nicht
mehr aus dem Kopf.
Zugegeben, ein fiktives
Beispiel. Aber es zeigt, dass nicht immer Katastrophen erforderlich sind,
um schwere seelische Belastungen bei den Helfern auszulösen. Manchmal
genügen dazu schon Kleinigkeiten: ein Autositz, wie ihn das eigene
Kind auch hat; ein Opfer mit der gleichen Haarfarbe wie die Partnerin;
ein Familienmitglied fährt täglich die gleiche Route; ein Verletzter
im gleichen Alter wie die eigenen Kinder.
„Das Alter der Einsatzkraft,
der Dienstgrad oder der Bildungsstand, aber auch die Gefährlichkeit
haben keinen Einfluss darauf wie gut ein belastender Einsatz bewältigt
werden kann“, berichtet Dr. Benjamin Brade vom Sigmund-Freud-lnstitut in
Frankfurt.
Kleine Geste mit großer
Wirkung
Oft ist den Feuerwehrleuten
nach solchen Einsätzen selbst gar nicht gleich bewusst, wie sehr sie
das gerade Erlebte mitgenommen hat. Vielfach merken die Partner als Erstes,
dass etwas nicht stimmt. Der Feuerwehrmann reagiert beispielsweise leicht
gereizt, zieht sich zurück oder kann sich nicht konzentrieren. „In
diesen Situationen ist die Partnerin ganz wichtig“, erklärt Gerhard
Kuhnert, der Leiter der Beratungsstelle und des Einsatznachsorgeteams der
Berliner Feuerwehr.
Ihm selbst hat es beispielsweise
immer sehr geholfen, wenn seine Frau ihn dann einfach ganz fest in den
Arm genommen hat. „Einfach das Gefühl der Geborgenheit genießen,
ohne viele Worte machen zu müssen.“ Denn gerade mit dem Sprechen haben
viele Feuerwehrleute nach Kuhnerts Erfahrungen in dieser Phase Probleme.
Wie es ihnen sowieso meist mehr Schwierigkeiten als ihren Frauen bereiten,
die eigenen Gefühle in Worte zu fassen.
Tipps für Angehörige
Sofort muss auch gar nicht
über die womöglich belastenden Einsätze gesprochen werden,
meint die Sozialwissenschaftlerin Dr. Jutta Helmerichs, die Leiterin der
Einsatznachsorge nach dem ICE-Unglück in Eschede. Belastungsreaktionen
sind ganz normale Reaktionen auf unnormale Ereignisse, zu denen zweifelsfrei
Feuerwehreinsätze mit Toten gehören, so Dr. Helmerichs. Diese
klingen in der Regel schon nach Stunden oder einigen Tagen wieder ab.
Dabei verarbeitet jeder
Mensch Stresssituationen anders. Mancher zieht sich in sich zurück,
will von der Umwelt nichts mehr mitkriegen, meidet deshalb andere Menschen
oder geht beispielsweise tagelang alleine zum Angeln. Andere wiederum stürzen
sich in die Arbeit, in den Sport oder Freizeitaktivitäten, reagieren
also mit „Überaktivität“ auf die Situation. Als Faustregel gilt:
Die Einsatzkraft verhält sich plötzlich anders als zuvor. Dr.
Helmerichs: „Die Angehörigen sollten diese Veränderungen eigentlich
mitbekommen.“
Typische Symptome
Als typische Belastungssymptome
gelten Schlafstörungen, Interesselosigkeit, Potenzstörungen,
Konzentratlonsprobleme, verstärkter Alkoholkonsum, Griff zu Drogen,
Verschlossenheit, Alpträume und Gereiztheit. Manchmal treten diese
Zustände völlig überraschend ein, beispielsweise wenn die
Feuerwehrleute irgendwelche Gerüche, Geräusche oder Bilder wahrgenommen
haben, die sie schlagartip an erlebte Einsatzsituationen erinnern.
Heute ist bekannt, dass
es eine Reihe positiver Faktoren gibt, durch die Voraussetzungen geschaffen
werden, damit die Einsatzkräfte die Belastungen besser bewältigen
können. Als ersten Faktor nennt Dr. Bardé: „Das Gefühl
der Zufriedenheit mit der sozialen Unterstützung durch Ehepartner,
Familie und Freunde.“
Gefragt sind die Partnerinnen,
Mütter oder Schwestern -nur zu diesen liegen Dr. Helmerichs Erkenntnisse
aus ihrer bisherigen Arbeit vor- erst, wenn die Symptome länger andauern.
Bevor die Partnerinnen bzw. Angehörigen aktiv werden, sollten sie
allerdings für sich selbst geklärt haben, welche Haltung sie
zur Feuerwehrtätigkeit haben und ob sie die Schi!derungen von schlimmen
Einsätzen wirklich hören wollen.
„Es gibt fast nichts Schlimmeres,
als wenn die Frauen ihre Partner zum Erzählen auffordern und dann
doch nicht zuhören“, weiß Dr. Helmerichs. Das merken die Betroffenen
sofort. „Es reicht nicht, nur die Worte zu hören, man muss auch die
Gefühle mit durchleben, sich einfühlen. Mit der Gefahr, von der
ganzen Wucht der Emotionen getroffen zu werden.“
Dabei spielt auch die Verfassung
der Frauen eine große Rolle. Haben sie gerade mit eigenen Problemen
zu kämpfen und den Kopf nicht frei, können sie ihren Partnern
nicht wirklich helfen. „In diesem Fall sollten sie ihre Feuerwehrmänner
aber ermutigen, mit jemand anderem zu sprechen“, empfiehlt Gabi Schmidt,
Frau eines Berufsfeuerwehrmannes und Psychotherapeutin. Als Gesprächspartner
kommen beispielsweise Kameraden oder gute Freunde in Frage.
Entschließt sich die
Frau für ein Gesprächsangebot, sollte genügend Zeit dafür
eingeplant werden. „Das kann Stunden dauern“, so Dr. Helmerichs. „30 Minuten
vor einem geplanten Grillabend ist sicher nicht der richtige Zeitpunkt.“
„Vielleicht ist es sogar
mal möglich, einen ganzen Tag oder nachmittag freizuschaufeln“, sagt
Gerhard Kuhnert. „Die Kinder zur Oma und dann zu zweit was unternehmen.
Raus aus den eigenen vier Wänden. Ne Radtour, Schwimmen oder spazieren
gehen. Ideale Möglichkeiten für ein Gespräch.“
Dabei ist es wichtig, nicht
zu sehr zu bohren, sind sich die Experten einig. „Und keinesfalls mit Vorwürfen
kommen, wie: „Du bist immer so gereizt“, sagt Gabi Schmidt. „Sonst machen
die Männer gleich zu.“ Die Therapeutin empfiehlt vielmehr, das veränderte
Verhalten des Partners als eigene Feststellung anzusprechen: „Mir ist aufgefallen,
dass Du in letzter Zeit so unruhig schläfst, so gedrückt wirkst.“
Dran bleiben - nicht entmutigen
lassen
Außerdem sollten die
Frauen sich nicht gleich entmutigen lassen, falls der Feuerwehrmann nicht
über die belastende Situation sprechen will. Schmidt: „Dran bleiben.
Dem Partner immer wieder Rückmeldungen geben, immer wieder Gesprächsbereitschaft
signalisieren.“
Meistens unterbleibt dies.
Beim Feuerwehrmann kann dann der Eindruck entstehen, seine Partnerin interessiere
sich nicht wirklich für seine Probleme. „Feuerwehrleute gehören
zu der Berufsgruppe mit der höchsten Scheidungsrate in Deutschland“,
berichtet Schmidt.
Auf gar keinen Fall persönlich
nehmen dürfen die Partnerinnen es auch, wenn die Feuerwehrmänner
nach einem schrecklichen Einsatz verstärkt die Nähe zu den ebenfalls
eingesetzten Kameraden suchen und noch häufiger zum Gerätehaus
fahren als sonst. „Rückzug in die Gruppe“, heißt dies in der
Fachsprache. Wobei die Einsatzkraft es gar nicht als Rückzug empfindet.
„Wir haben das zusammen durchgestanden, jetzt arbeiten wir es zusammen
auf“, sagen Feuerwehrleute in dieser Situation gerne.
Wobei Aufarbeitung in diesem
Fall nicht unbedingt „darüber reden“ heißt. Vielen genügt
es einfach schon, die Kameraden um sich zu haben. Manchmal, werden auch
Witzchen über die Einsätze gerissen. „Psychohygiene“, nennt Therapeutin
Schmidt dies.
„Das Zusammensein mit der
Gruppe ist tatsächlich eine ganz entscheidende Form der Stressaufbereitung
und gehört zu den Selbstheilkräften der Menschen“, so Dr. Helmerichs.
Auch sie empfiehlt den Frauen, nicht gekränkt darauf zu reagieren,
dass die Männer nach stressbelastenden Einsätzen die Zeit lieber
bei der Feuerwehr verbringen als mit ihnen. „Das ist kein Anzeichen einer
Partnerschaftskrise“, so die Expertin.
Auch Potenz betroffen
Ein sensibles und häuflg
ausgeklammertes Thema ist in diesem Zusammenhang auch das Sexualleben nach
belastenden Einsätzen. Auch hier können schnell die falschen
Schlüsse gezogen werden. „Potenzstörungen sind gar nicht so selten.
Die Männer haben dann keine Lust zum Sex“, berichtet Gabi Schmidt
aus Ihrer jahrelangen Tätigkeit als Therapeutin. „Das heißt
aber nicht, dass sie ihre Partnerinnen nicht mehr lieben. Hier ist viel
Verständnis erforderlich.“
Hilfe kann der Zusammenschluss
von betroffenen Feuerwehrfrauen bringen - als Gesprächskreis, als
lockere Runde oder auch als Interessengemeinschaft. Hier können die
Frauen sich austauschen, sich auch gegenseitig helfen. In Berlin hat es
bereits erste Versuche gegeben. „Das Ganze darf aber keinesfalls in einen
Tratschklub ausarten“, mahnt Gerhard Kuhnert, „sonst erzählen die
Männer zu Hause nichts mehr.“
Dauern die Symptome länger
als vier bis sechs Wochen oder treten erst nach drei Monaten (oder später)
auf und bleiben, sollten die Angehörigen professionelle Hilfe von
außen holen. Dr. Helmerichs empfiehlt, sich mit Traumatherapeuten
in Verbindung zu setzen: „Mit einer falschen Behandlung kann beim Traumatisierten
das Ganze noch schlimmer gemacht werden.“
Bei der Vermittlung kompetenter
Therapeuten helfen die Bundesvereinigung Stressbearbeitung nach belastenden
Einsätzen (SBE), Pastor Joachim Müller-Lange (Tel. 022 08 / 8229)
und der Malteser Hilfsdienst, Dr. Klaus Runggaldier (Tel: 05493 /99 10-0).
Aber Achtung, etwas hinter dem Rücken der Traumatisierten anzuleiern,
bringt nichts. Therapieerfolge stellen sich nur ein, wenn der Betroffene
aktiv mitarbeitet.
Kommt es zu einer Posttraumatischen
Belastungsstörung und wird sie nicht behandelt, kann diese Störung
über Jahre hinweg andauern und das Leben der betroffenen Person nachhaltig
beeinträchtigen. Doch zur Beruhigung: Gravierende Störungen,
die einer ärztlichen Behandlung bedürfen, sind sehr selten. „Weniger
als zehn Prozent der eingesetzten Kräfte benötigen längerfristige
Hilfe“, sagt Dr. Heilmerichs, die sich gegen eine Stigmatisierung ausspricht.
„Die wenigsten Feuerwehrleute behalten einen Psychoknacks.“
Text: Jan-Erik Hagemann Grafik: Jub Mönster
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